Wolfgang Heuwinkel
Tenri
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"Die Farbigkeit von Glück und Erfolg" und "Die Weissheit von Weiss"

Werke von Wolfgang Heuwinkel in der Tenri Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt in Köln

vom 2. – 24. März 2012

Wenn ein deutscher Künstler in einer japanisch-deutschen Kulturwerkstatt ausstellt, sucht man unwillkürlich nach einem Brückenschlag von der einen zur anderen Kultur. Der Künstler Wolfgang Heuwinkel weist in seinem Werk vielfältige Bezüge zu anderen Kulturen auf. Mit dieser kurzen Einführung in die Ausstellung möchte ich den Blick und das Denken auf einen bestimmten Aspekt seines Werkes lenken, der vielleicht die Verbindung zu einer traditionellen künstlerischen Technik in Japan zeigt.

Heuwinkels künstlerische Anfänge liegen in der Aquarellmalerei, einer subtilen Wasserfarbenmalerei auf Papier. Sein bevorzugtes Motiv ist die Landschaft. Aber schon bald wendet sich Heuwinkel von der reinen, der Abbildhaftigkeit verpflichteten Wiedergabe der Natur ab und forscht nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Er will nicht nur das wiedergeben, was das Auge wahrnimmt, sondern auch die gestaltbildenden Kräfte und Prozesse in der Natur darstellen. Das eigene künstlerische Suchen, die Materialien: Papier und Farbe und die besondere Atmosphäre des Ortes und der Zeit treten immer mehr in einen Dialog, so dass der Akt des Schaffens, das Motiv und die Technik zu einer neuen Einheit finden. Die künstlerische Auseinandersetzung Heuwinkels fühlt sich von nun an dem Experiment und der künstlerischen Forschung verpflichtet. Er arbeitet in Serien, deren innere Logik sowohl von technisch-wissenschaftlichen Kriterien geprägt ist, wie von einer künstlerischen Vorgehensweise, die ich mit japanischen Strategien der kreativen Reihung und Verknüpfung vergleiche.

„Die Kunst der Listen“ (Ich verweise auf Jacqueline Pigeot und Francois Jullien) ist eine eigenständige Kunstform der japanischen Dichtung. Das Ziel einer „Liste“ ist nicht das eine Werk oder die eine Formel, sondern die Erzeugung von Varietät und Fülle auf der Grundlage einer nicht hierarchisch geordneten Gemeinsamkeit. In diesen Aufzählungen können für eine an der westlichen Rationalität orientierte Logik völlig absurde oder zufällige Dinge aufeinander treffen: Personen, Orte, Zeiten, Gefühle und Ideen, dennoch gibt es immer ein unsichtbares Band der Verknüpfung. Auch in der Entfaltung des künstlerischen Werkes Heuwinkels erkenne ich neben der Orientierung an der fast wissenschaftlich zu bezeichnenden Erforschung von Material- und Naturprozessen eine nicht rationale Kombinatorik, die sein Arbeiten in Serien vorantreibt und die beeindruckende Variationsvielfalt jeder Thematik garantiert.

Heuwinkel zentriert sein künstlerisches Gestalten um das Material Papier. Im Laufe von vielen Jahren entsteht ein Werk, das uns in Reihungen und Serien sowohl die Ästhetik dieses Materials zeigt, wie die Dimensionen seiner Materialität auslotet: Holz, Zellstoff, Pulpe, Papier – Heuwinkel initiiert natürliche Prozesse, kombiniert, variiert und überrascht mit immer wieder neuen (Er)findungen. Auch die Praxis des Ausstellens ist von diesem Spiel der Kombinatorik geprägt. Nicht selten inspirieren Orte und Räume den Künstler zu neuen Werken.

Den Titel „Die Weissheit von Weiss“ wählte Heuwinkel für die Präsentation eines Teils seiner Werke in der Tenri Kulturwerkstatt. Weiss ist die Farbe des Zellstoffs, das Material, welches in einem großen, hellen Raum wie in einem Bühnenstück inszeniert wird. Kompakte Zellstoff-Reliefs behaupten sich vor der weißen Wand. Ihre Oberflächen erinnern an schrundige Felsoberflächen, die von Wind und Wetter über viele Jahrhunderte geformt wurden. Tatsächlich bearbeitete der Künstler die Zellstoffoberfläche mit einem harten Wasserstrahl, so dass eine die Schichten des Materials preisgebende, dreidimensionale Oberflächenstruktur entsteht. Den Zellstoff-Reliefs hängen Zellstoff-Faltungen gegenüber, die den Übergang von der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität auf andere Weise variieren. Mit einer dritten Werkserie lenkt Heuwinkel wieder die Aufmerksamkeit auf die Oberflächen seiner breitformatigen Zellstoffbahnen. Er markierte diese mit linear angeordneten Spuren, die jeweils verschiedene schwungvolle Gesten des flüchtigen Streifens der Oberflächen mit einem harten Gegenstand festhalten. Die an die Wände gebundenen Arbeiten werden mit zwei kontrastierenden Werkserien gesteigert: Drei Skulpturen, die in unterschiedlichen Werkstoffen (Zellstoff, schweres Aquarellpapier) verschiedene Formen des Wachsens erkennen lassen und zwei transparente Arbeiten auf Plexiglas, die im Raum hängend die Auflösung des Zellstoffs demonstrieren. Die letzteren Arbeiten muten wie ein Kommentar zu fernöstlichen Lehren von der Immaterialität unserer Welt der Erscheinung an.

In einem zweiten Raum der Tenri Kulturwerkstatt zeigt Heuwinkel ein Projekt, das in besonderer Weise den Dialog zwischen zwei verschiedenartigen Kulturen vor Augen führt. Der tunesische Maler und Kalligraph Nja Mahdaoui sah 1989 Heuwinkels Papierarbeiten in einer Ausstellung im Deutschen Kulturinstitut in Tunis. Er zeigte sich erstaunt und verunsichert über den Umgang des deutschen Künstlers mit seinem Material. Heuwinkel hatte das Papier gerissen und vielfältig „verletzt“ und auf diese Weise seinen Bildgrund als aktiven Partner im Zusammenspiel der künstlerischen Kräfte eingesetzt. Zwischen den beiden Künstlern entstand ein durch Offenheit, Interesse und Sympathie getragener Dialog, dessen Ergebnis schließlich ein gemeinsames Kunstprojekt war. Heuwinkel schickte einige von ihm mit Aquarellfarben gestaltete Papiere nach La Marsa, dem Wohnort Mahdouis. Die vom deutschen Künstler gesetzten Farbspuren und -strukturen wurden dann von seinem arabischen Künstlerfreund mit artifiziellen Kalligrafien kommentiert und orchestriert. Die aus dieser Zusammenarbeit entstandenen Kunstwerke muten fremd und vertraut zugleich an; sie entführen den Betrachter in eine Dimension der künstlerischen Imagination und Freiheit. Im Atelier Heuwinkels entstanden dann einige großformatige Arbeiten in direkter Zusammenarbeit. Ein Höhepunkt dieses Kulturprojektes war 1993 die Präsentation der Gemeinschaftsarbeiten in den Räumen der UNESCO in Paris.

Den Schlusspunkt dieser Ausstellung Heuwinkels in der Tenri Kulturwerkstatt setzen die kleinen hochwertigen Drucke mit dem japanischen Schriftzeichen für Glück. Der Künstler hatte vor einigen Jahren auf dem Flohmarkt in Tokio ein Holzmodel dieses Zeichens gefunden, das ihn als Objekt begeisterte. Heuwinkel formte das japanische Glückszeichen in Plastilin um und verwendete es als Druckstock für eine kleine handkolorierte Serie. Wieder schlägt Heuwinkel eine Brücke zu einer anderen Kultur, doch er tut dies - jenseits der ausgetretenen Pfade – in seiner eigenen, experimentellen Gangart. Die farblich variierende Druckserie des japanischen Glückzeichens wird kontrastiert von kleinen noch nie gezeigten Arbeiten auf Transparentpapier. Das glatte und feste Transparentpapier reagiert stark auf die Nässe des Farbauftrages: Es wellt sich und lässt die Farbe auf seiner Oberfläche in unregelmäßigen Schlieren erstarren. Wenn Heuwinkel in früheren Arbeiten eher das Eindringen der Farbe in den Papiergrund verfolgte, so richtet sich seine Aufmerksamkeit in diesen Arbeiten auf die unterschiedliche Transparenz von Farbverdichtungen.

Mögen wir uns bisher auch das Glück und den Erfolg nicht farbig vorgestellt haben, so lässt uns die Ausstellung der Werke Wolfgang Heuwinkels in der Tenri Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt in Köln teilhaben an der inspirierenden Sphäre künstlerischer Kombinatorik.

 

Eva Degenhardt, philosophiekunst e.V., Köln